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21. Dezember 2016

Auf der Suche nach einem Platz unter der Sonne

Wie die Schriftstellerin und Journalistin Nelli Kossko zur „Blindenführerin“ für Russlanddeutsche wurde.

Jetzt, in der Zeit in der Europa der russischen Propaganda den Kampf ansagt, spricht die Moskauer Deutsche Zeitung mit der jahrelangen Mitarbeiterin der deutschen „Propagandamaschine“ und Schriftstellerin Nelli Kossko über den Einfluss westlicher Informationen auf die gesellschaftliche Meinung in der Sowjetunion.

Sie emigrierten 1975 nach Deutschland, waren sie bereits da „innere Migrantin“?

Damals war es unerträglich in der Sowjetunion zu leben – die stickige Atmosphäre, die Trostlosigkeit, der Verlust des Glaubens, der Ideale, überall Zynismus, niemand glaubte an irgendetwas, es kam einem so vor, als würde man gleich ersticken… Ich wollte damals sehr vor dieser Hölle fliehen. Und dann, das sollte man nicht vergessen, wuchs ich in einer deutschen Familie auf, in der Deutschland die Verkörperung von Heimat ist.

In Deutschland wurde Ihnen gleich angeboten, in der russischen Redaktion des Radiosenders „Deutsche Welle“ zu arbeiten.

Ich hatte Glück. Die „Deutsche Welle“ war in diesen Jahren eine starke Propagandamaschine, im positivsten Sinne des Wortes. Unsere Aufgabe war es, Informationen über den Westen, die es in der geschlossenen sowjetischen Gesellschaft nicht gab, zu verbreiten. Und man kann sagen, dass es uns ein wenig gelungen ist, das Eis aus Informationen, das die Sowjetunion erstarren ließ, aufzubrechen. Unser Chef liebte es wiederholt zu sagen: Die „deutsche Welle“ hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass die Perestroika angefangen hat. Wir haben über seinen Scherz gelacht, doch in einer gewissen Weise hatte er Recht: Man darf den Beitrag der Auslandskooperationen im Prozess der Perestroika und des Glasnost nicht unterschätzen.

Nach der Perestroika, als wir frei senden konnten und man alles, was man wollte, hören durfte, hatten unsere Sendungen nicht mehr so eine Notwendigkeit. Es gab nun andere Informationsquellen. Ja und auch die sowjetischen Medien haben einen bedeutenden Beitrag zur Aufklärung seiner Leser und Hörer geleistet. Dabei muss man ihnen folgendes zugutehalten: Sie haben das professionell, objektiv und wahrheitsgetreu getan.

Was sendete die „Deutsche Welle“ während der Perestroika?

Wir beleuchteten alle Lebensaspekte in Deutschland und der Sowjetunion. Der einzige Unterschied bestand darin, dass wir es bei letzterem auf die Informationen beschränkten, die für Sowjetbürger nicht zugänglich waren. Ich machte ganz verschiedene Sendungen – von Politik- zu Unterhaltungssendungen alles, doch die wichtigste Arbeit war für mich das Thema der Russlanddeutschen. Das war mühsame und undankbare Arbeit, weil sich unter den merkwürdigen Umständen in diesen Jahren die Russlanddeutschen für niemanden ein Thema waren, sogar für die Deutschen in Deutschland. Die ganze Welt beschwerte sich über die Verletzungen der Menschenrechte in der UdSSR – der Juden, Krimtataren, Tschetschenen und andern Völkern, aber die Russlanddeutschen, von denen es 2 Million gab und die ohne Rechte im Land lebten, wurden so behandelt, als würden sie nicht einmal existieren.

Ich musste darum kämpfen, dass ich fünf Minuten in der Woche über „meine Deutschen“, die aufgrund ihres Ausreisewunschs Verfolgungen ausgesetzt waren, senden durfte. Nur einige Jahre später konnte ich die Leitung mit der Hilfe von einflussreichen Bonner Politikern von der absoluten Notwendigkeit einer Sendung für Russlanddeutsche überzeugen. So entstand die Sendung „Brücken“, die jede Woche für 30 Minuten ausgestrahlt wurde.

Ich bemühte mich darum, dass mir „zufällig“ in die Hände gefallene Mikrofon der „Deutschen Welle“ optimal auszunutzen: Diese „Brücken“ verbanden Leute der beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“. Damals verabschiedeten sich die Aussiedler, die ins Ausland zogen, für immer von ihren Verwandten und Freunden – es gab keine Hoffnung auf weitere Treffen. Und stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine junge Frau in unserem Studio grüßt ihre Mutter im fernen Kasachstan, und die Mutter hört die Stimme ihrer Tochter!

Warum wechselten sie Mitte der 90er von der „Deutschen Welle“ zum „Ostexpress“ und haben angefangen, eine russischsprachige Zeitschrift für deutsche Aussiedler zu veröffentlichen?

In den wilden 90ern, wie man bei Ihnen so schön sagt, strömten hundertausende Nachkommen von Russlanddeutschen ins Land – ohne Kenntnisse der Sprache, der Gesetze, Traditionen und Kultur unseres Landes. Doch nicht nur sie waren hilflos, sondern auch die regionalen Administrationen. Also gründeten wir mit Gleichgesinnten eine „deutsche russischsprachige Zeitung“, auf diese Bezeichnung legten wir besonders Wert. Wir haben ankommenden Bürgern dabei geholfen, sich unter diesen neuen Umständen zu orientieren. Meine Mitbürger haben mir geschrieben, dass diese Zeitung für sie wie ein „Blindenführer“ war. Und obwohl es diese Zeitschrift nur für fünf Jahre gab, erinnern sich ihre Leser bis heute an sie – es war für sie eine Heimatzeitung, die ihnen bei der Integration geholfen hat und der sie vertrauen konnten.

Heute wird viel über die Sympathie der deutschen Aussiedler zu Russland gesprochen. Ist das ein Ergebnis der Propaganda oder starker alter Verbindungen?

Viele sind noch eng an Russland gebunden, obwohl viele nicht bereit dazu sind, das zuzugeben. Sie sind seelisch mit Russland verbunden. Es gibt unter Russlanddeutschen diejenigen, die sich und ihr Umfeld davon überzeugen, dass sie „echte reine Deutsche“ sind, dass sie assimiliert sind. Sie lösen sich von Russland, ihrer „russischen“ Vergangenheit und sprechen nicht mehr Russisch… Sogar lokale Deutsche sagen scherzhaft darüber, dass sie heiliger als der Papst sein möchten. Doch sie ziehen russische Sülze, Pelmeni, Manty, Borschtsch und das Trinken russischen Wodkas vor. Und dann stimmen sie ein russisches Lied an. Das ist alles nicht so ganz einfach.
Ich habe irgendwann scherzhaft gesagt, dass wir – Deutsche mit russischem oder slawischem Hintergrund ein wenig anders sind. Nicht allen hat diese Definition gefallen, doch ich denke, dass das richtig ist. So lebt es sich in jeden Fall leichter und so kann man seinen Platz unter der Sonne finden!

Dieser Artikel erschien in der Moskauer Deutschen Zeitung. 

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