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05. Juli 2023

Arkadij German: Historikerberuf erfordert Liebe, Hingabe und Mut

Am 26. Juni feierte Arkadij German seinen 75. Geburtstag. Es ist Doktor der historischen Wissenschaften, Professor, Vorsitzender der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen sowie Preisträger des Wettbewerbes „Russlands herausragende Deutsche – 2018“. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt, wie er zu seinem Beruf gekommen ist und worin er die Arbeit und die Aufgabe des modernen Historikers sieht.

Seit mehr als 20 Jahren seines Lebens widmet sich Arkadij German – Doktor der historischen Wissenschaften, Professor an der nach N. Tschernyschewski benannten Staatlichen Nationalen Forschungsuniversität in Saratow, Vorsitzender der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, Preisträger des gesamtrussischen Wettbewerbs „Russlands herausragende Deutsche – 2018“ im Bereich der Wissenschaft – der Entwicklung und Popularisierung des Themas der Erforschung der russlanddeutschen Geschichte und der Geschichte der ASSR der Wolgadeutschen. „Mein unruhiges Leben hat sich so entwickelt, dass ich im reifen Alter immer noch versuche, die Irrungen und Wirrungen meiner ethnischen Identität zu verstehen“, beginnt Arkadij German in seinem Artikel, der 2021 in der Zeitschrift „Etnografia“ (Nr. 2) veröffentlicht wurde. In dem Artikel erzählt der Wissenschaftler die Geschichte seiner eigenen Familie, der Deportation, der Arbeitsarmee und der Sondersiedlung, wo sich seine Eltern kennenlernten.

 „Viele Eltern, darunter auch meine, wollten das ‚Deutschtum‘ in der Familie ausrotten, um ihre Kinder für die Zukunft zu schützen, die ihnen damals unklar und unvorhersehbar erschien.“

So erklärt Arkadij German das Phänomen, dass russlanddeutsche Familien einen Teil ihrer Kultur, ihrer Traditionen und ihrer ethnischen Identität verloren: Man zog es vor, sich untereinander und mit den Kindern auf Russisch zu verständigen, man fürchtete sich vor einer „negativen Wahrnehmung“ der Deutschen durch die Umgebung aufgrund des gerade beendeten schweren Krieges. In den 1960er-Jahren änderte sich die Situation allmählich, und zwar aufgrund des politischen Verlaufs der Lösung ethnischer Konflikte und der „stillen Rehabilitierung“ der Sowjetdeutschen. „Wir hatten Vertreter von fünf Nationalitäten in unserer Klasse aber wir haben dem nie eine Bedeutung beigemessen.

Ich habe aufgehört, mich als Deutscher angefeindet zu fühlen und diese Einstellung hielt mein ganzes Leben lang an. Das bedeutete, dass ich immer weniger Gründe hatte, mich daran zu erinnern, dass ich Deutscher war.“

Die Bekanntschaft mit anderen Sowjetdeutschen während des Dienstes in den Streitkräften, der Kontakt mit Soldaten in der DDR, der Beginn der Arbeit an der Universität sind Gründe dafür, dass Arkadij German zur Geschichte und Identität der Russlanddeutschen zurückkehrt, das Thema zu entwickeln beginnt und auf echtes Interesse und Resonanz in der Öffentlichkeit stößt. Der Wissenschaftler schildert, wie das wiedererwachte Interesse der Deutschen an ihrer eigenen Identität und das Aufkommen der Forschung auf diesem Gebiet schrittweise zur Gründung der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen führte und beschreibt die Ergebnisse ihrer Tätigkeit.

Wir sprachen mit Arkadij German darüber, wie er die Arbeit und die Aufgaben eines Historikers in der heutigen Welt sieht.

Was wollten Sie als Kind werden und wie sind Sie zur Wissenschaft gekommen?

Ich hatte von Kindheit an kein festes Hobby, das meine Berufswahl bestimmen würde. Schon in der 1. Klasse habe ich mich für Kartografie und Geografie interessiert. Es hat mir wirklich Spaß gemacht, alle möglichen Arten von geografischen Karten zu erstellen. Ich wollte sogar an der Staatlichen Universität in Moskau Geografie studieren.

Ich konnte sogar eine politische Weltkarte zeichnen, in der ich nacheinander und ganz genau die Grenzen aller Staaten einzeichnete, ihre Benennungen angab und ihre Hauptstädte markierte.

Bis zu den höheren Klassen trat dieses Hobby allmählich in den Hintergrund. Es entwickelte sich eine Vorliebe für die Sozialwissenschaften, insbesondere für Geschichte. Aber das Leben gestaltete sich so, dass ich nach dem Schulabschluss in die höhere Berufsschule für Kommandeurs- und Ingenieurwesen der Raketentruppen in Saratow eintrat und nach fünf Jahren Studium 11 Jahre lang in den Raketentruppen in den Kommandostellen diente. Meine Leidenschaft für die Sozialwissenschaften ist jedoch nicht verschwunden. Sie blieb all die Jahre bestehen, was dazu führte, dass ich mich an der Militärpolitischen Lenin-Akademie für die Pädagogische Fakultät einschrieb. Nachdem ich die Akademie mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, wurde ich als Dozent für Sozialwissenschaften an dieselbe höhere Berufsschule für Kommandeurs- und Ingenieurwesen entsandt, an der ich zu meiner Zeit meinen Abschluss gemacht hatte.

Ab diesem Zeitpunkt begann ich, mich beruflich mit der Wissenschaft zu beschäftigen. Zunächst interessierte ich mich für Fragen der militärischen Organisation und des Kampfes der Bolschewiki bei der Eroberung der Macht in Russland. Meine Doktorarbeit, die ich 1986 verteidigte, war diesem Thema gewidmet.

Mit dem Beginn der Perestroika, Demokratisierung und Glasnost wählte ich fast sofort die Geschichte der Russlanddeutschen und insbesondere die Geschichte der ASSR der Wolgadeutschen, die kaum erforscht war, als Hauptthema meiner Doktorarbeit.

Bis 1995 war die Geschichte der ASSR der Wolgadeutschen geschrieben und im selben Jahr schloss ich meine Doktorarbeit zu diesem Thema ab.

Der Geschichte der Russlanddeutschen bin ich bis heute treu geblieben.

In einem Interview für unser Portal zum 25. Jahrestag der Föderalen National-Kulturellen Autonomie der Russlanddeutschen sagten Sie, dass die Anzahl der „weißen Flecken“ in der Geschichte der Russlanddeutschen „stetig abgenommen“ hat. Welche Themen halten Sie für vielversprechend, die Historiker und Vertreter anderer Wissenschaften heute im Zusammenhang mit den Russlanddeutschen untersuchen sollten?

Ja, in der Tat ist die allgemeine Geschichte der Russlanddeutschen inzwischen niedergeschrieben worden und man kann sie jetzt auch problemlos studieren. Das bedeutet aber nicht, dass die Forschung zu diesem Thema beendet ist. So paradox es sich auch anhört, diese Geschichte ist immer noch weitgehend nur ein Überblick. Sie fragen sich warum? Weil die Erforschung der Regionalgeschichte der Russlanddeutschen leider noch lange nicht abgeschlossen ist. Ich habe dieses Problem bereits vor anderthalb Jahrzehnten angesprochen.

Damals haben wir uns eine wichtige Aufgabe gestellt: Jedes Gebiet, jede Region und jede Republik sollte ihre eigene regionale Geschichte der dort einst lebenden und heute ansässigen Deutschen haben.

Das gilt vor allem für die sibirischen Regionen, in denen heute die Mehrheit der Russlanddeutschen lebt. Leider ist die Begeisterung für die Erforschung der Regionalgeschichte der Russlanddeutschen noch nicht sehr groß. Dennoch gibt es bereits einige veröffentlichte Arbeiten und verteidigte Doktorarbeiten zu einzelnen Epochen und Bereichen des Lebens der Deutschen in den Regionen. Dieser Prozess muss noch vervollständigt werden.

Idealerweise sollten die Geschichte der Deutschen im Gebiet Omsk, die Geschichte der Deutschen in der Region Altai, die Geschichte der Deutschen im Gebiet Kemerowo usw. niedergeschrieben werden und dabei alle Regionen Russlands einbezogen werden, in denen Deutsche gelebt und zu deren Entwicklung beigetragen haben.

Erst dann kann auf der Grundlage der regionalen Geschichte eine vollständige, gründliche Geschichte der Deutschen in Russland erstellt werden. Natürlich muss auch die Forschung zu einzelnen Themen, einschließlich der Geschichte von bestimmten Persönlichkeiten, fortgesetzt werden. Lokale Regionalforscher können und sollen die Geschichte der Deutschen in ihren Siedlungen und Stadtkreisen schreiben.

Es gibt also noch viel zu tun für die Forscher zur Geschichte der Deutschen in Russland.

Lehrende an den Universitäten können einen großen Beitrag zur Entwicklung der Geschichte der Russlanddeutschen leisten. Insbesondere an unserer Staatlichen Universität in Saratow, am Institut für Geschichte und Internationale Beziehungen, werden jedes Jahr Diplomarbeiten über die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen geschrieben und verteidigt.

Welche Tipps oder Anregungen haben Sie für junge Forscher von heute, insbesondere für die Geschichte der Russlanddeutschen?

Der Beruf eines Historikers, eines echten Historikers, ist nicht leicht und erfordert eine besondere Art von Liebe, Hingabe und auch Mut.

Nicht jeder, der sich Historiker nennt, ist auch ein Historiker. Das Problem dabei ist, dass Geschichte eng mit Ideologie und Politik verknüpft ist und für viele Politiker und Ideologen nur ein Mittel ist, um die Richtigkeit ihrer politischen und ideologischen Konzepte zu rechtfertigen, die oft ein opportunistisches, subjektives, weit von den Interessen des Volkes entferntes Bild tragen. In diesem Fall werden die am besten geeigneten Themen aus der Geschichte herausgegriffen oder sie wird einfach verfälscht oder sehr einseitig und subjektiv dargestellt. Alles andere wird geleugnet oder für verfälscht erklärt, und Menschen, die unerwünschte Themen und Prozesse der Geschichte verteidigen, werden oft sogar zu Feinden und Verrätern des Vaterlandes erklärt und rücksichtslos behandelt. Das anschaulichste Beispiel ist die physische Vernichtung von Anhängern der Pokrowski-Schule der Geschichte in den frühen 1930er-Jahren.

Leider ist auch heute in unserer Gesellschaft die subjektive, opportunistische Einstellung zur Geschichte alles andere als ungewöhnlich.

Ein echter Historiker muss alles betrachten, auch die verschiedenen widersprüchlichen Prozesse, die in der Gesellschaft stattgefunden haben, um sie ehrlich und objektiv zu erzählen, und das erfordert oft Mut und Hingabe.

Ich wünsche den jungen Historikern, dass sie immer objektiv, ehrlich und hochprofessionell bleiben. Das, was ich eben gesagt habe, gilt unmittelbar für die Geschichte der Russlanddeutschen. Es ist kein Geheimnis, dass die Russlanddeutschen bis Mitte der 1980er-Jahre keine eigene Geschichte hatten. Lediglich in der deutschsprachigen Presse (Zeitung „Neues Leben“, Zeitschrift „Heimatliche Weiten“) gab es einige wenige Artikel zur Geschichte der Russlanddeutschen, die den Anforderungen der sowjetischen Zensur genügen mussten. Doch auch solche Publikationen haben das Geschichtsbewusstsein der Russlanddeutschen maßgeblich geprägt. Seit Ende der 1980er-Jahre ist eine Vielzahl von Arbeiten zur Entwicklung der Geschichte der Russlanddeutschen entstanden, die oft mit den Dogmen der Sowjetzeit kollidieren, was die Vermittlung der Ergebnisse an die Leser erschwert. Das ist ein großes Verdienst der vielen Dutzend Historikerinnen und Historiker, die sich in der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen zusammengeschlossen haben.

Ich wünsche den jungen Forschern zur Geschichte der Russlanddeutschen, dass sie von ihren älteren Kollegen lernen und die von ihnen begonnene Arbeit fortsetzen.


Hier können Sie ein Interview mit Arkadij German lesen, das anlässlich des 25-jährigen Bestehens der FNKA der Russlanddeutschen geführt wurde.

Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Ruge

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